Blicken Sie nach oben!

Jesus

Bilder aus Licht und Farbe: Das theologische Dreigestirn unserer Glasfenster

Viele Besucher betreten unsere Kirche, bewundern die Architektur, suchen ihren Platz oder geniessen die besondere Atmosphäre des Raumes. Doch nur wenige richten ihren Blick bewusst nach oben. Unsere drei historischen Buntglasfenster aus dem Baujahr 1900 bilden eine meisterhafte Einheit aus Licht, Farbe und biblischer Verkündigung.

Erschaffen wurden sie zur Jahrhundertwende von dem bekannten Zürcher Glasmaler Friedrich Berbig (1845–1923). Dass diese prachtvollen Fenster überhaupt entstehen konnten, verdankte die junge Gemeinde in der zutiefst katholischen Schwyzer Diaspora der grosszügigen Unterstützung des Evangelischen Hilfsvereins Zürich. Berbig schuf hier Kunstwerke des Historismus, die den Glauben im Raum visuell erfahrbar machen.

Die Glasfenster von Oberarth sind etwas Besonderes: Bildliche Darstellungen sind in reformierten Kirchen selten.

Das Christus-Fenster: Das Fundament unseres Glaubens

(Standort: Vorne im Chorraum, über der Kanzel und der Orgelempore)

Das Christus-Fenster bildet das unbestreitbare geistliche Zentrum des Kirchenraums. Während des gesamten Gottesdienstes ruht der Blick der Gemeinde auf dieser Darstellung. Christus ist in ein leuchtend rotes Gewand gehüllt – in der Bildsprache der Glasmalerei das Symbol für die göttliche Liebe, das Feuer des Heiligen Geistes und das erlösende Opfer.

Das Antlitz Jesu – Milde, Würde und göttliches Licht
Bei genauerer Betrachtung fällt die meisterhafte Gestaltung des Gesichts auf. Friedrich Berbig wendete hier die traditionelle Glasmaltechnik des Historismus mit feinsten Pinselstrichen und Schattierungen an, um dem Antlitz Jesu eine tiefgründige Wirkung zu verleihen. Es ist kein leidender Christus, sondern der auferstandene Herr, dessen Blick Sanftheit und Zuversicht vermittelt. Umgeben ist sein Haupt von einem strahlenden Kreuznimbus.

„Jesus Christus spricht: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“
(Johannes 8,12)

Das Paulus-Fenster: Glauben weitertragen

(Standort: Hinten über der Ausgangstüre)

Wenden wir uns am Ende des Gottesdienstes zum Ausgang, blicken wir direkt auf das gegenüberliegende, grosse Rundfenster: das Paulus-Fenster. Es zeigt den Apostel Paulus, den unermüdlichen Missionar und Denker der Urkirche, dargestellt mit seinen traditionellen Attributen Buch und Schwert – Symbole für die Kraft Gottes Wortes.

Besonders faszinierend ist die künstlerische Verbindung: Berbig verwendet hier exakt dieselbe leuchtende Farbpalette (Rot, Gold, Blau und Grün) wie im Chorraum. Dadurch wird augenblicklich klar: Christus und Paulus gehören untrennbar zusammen. Während das Christus-Fenster die Quelle des Glaubens zeigt, ruft uns das Paulus-Fenster zu, diesen Glauben mutig zu leben und hinauszutragen. Ganz im Sinne seines Briefes an die Epheser:

„Denn einst wart ihr Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Wandelt als Kinder des Lichts; denn die Frucht des Lichts ist lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit.“
(Epheser 5,8–9)

Das Fenster in der Ausgangstüre: Die Brücke in den Alltag

(Standort: In der Lünette direkt über der hölzernen Eingangstüre)

Direkt unter dem Paulus-Fenster schliesst sich das theologische Dreigestirn auf einzigartige Weise. Dieses filigrane Bogenfenster mit prachtvollen floralen Rankenwindungen bleibt beim Betreten der Kirche völlig verborgen – es entfaltet seine Pracht ausschliesslich im Moment des Hinausgehens. An der Schwelle zur Welt fängt es das Tageslicht ein und präsentiert uns auf einem kunstvollen Schriftband ein tiefes Zeugnis der Dankbarkeit:

„Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt.“
(Psalm 26,8)

Als Abschiedsgruss bekommt dieser Psalmvers eine wunderbare Dynamik: Er lässt uns im Gehen noch einmal dankbar zurückblicken auf den Ort, an dem wir gerade zur Ruhe kommen, Gemeinschaft erfahren und Kraft tanken durften. Gleichzeitig entlässt uns das Fenster mit einem klaren Impuls: Wir lassen Gottes Segen nicht im Kirchenschiff zurück, sondern nehmen ihn mit durch die Tür – hinein in unseren Alltag.

Eine Einladung zum Innehalten

Nichts an diesen historischen Glasmalereien ist reine Dekoration – sie sind gemaltes Evangelium. Wenn Sie das nächste Mal unseren Gottesdienst besuchen, eilen Sie nach dem Schlusssegen nicht direkt nach draussen. Halten Sie einen Moment an der Schwelle inne, heben Sie den Blick und lassen Sie das Zusammenspiel aus Licht, Farbe und Gottes Wort auf sich
wirken.

Infoblock zur Kirche

Tabelle

Fenster Reformierte Kirche Oberarth

21.08.2026
11 Bilder
Jesus mit Dornenkrone
Jesus mit Dornenkrone
Jesus-Fenster (aussen)
Jesus-Fenster (aussen)
Jesus-Fenster (innen)
Jesus-Fenster (innen)
Sein Blick ist voller Zuversich und Sanftmut
Sein Blick ist voller Zuversich und Sanftmut
Paulus mit Buch und Schwert
Paulus mit Buch und Schwert
Paulus-Fenster (aussen) (Foto: PR)
Paulus-Fenster (aussen) (PR)
Paulus-Fenster (innen)
Paulus-Fenster (innen)
Lünette Eingangstüre
Lünette Eingangstüre
Einganstüre mit Lünette (aussen)
Einganstüre mit Lünette (aussen)
Eingangstüre mit Lünette (innen)
Eingangstüre mit Lünette (innen)
Glasmaler bei der Arbeit
Glasmaler bei der Arbeit
Fotograf/-in: PR