Gesprächsabend zu «Klima und Nachhaltigkeit»

DSC_3911 (2) (Foto: Ruedi Gantenbein)

Ist es möglich, politisch zu werden und zugleich lyrisch zu bleiben? Dass Gesellschaftskritik und Poesie keinen Widerspruch bilden müssen, beweist der Berner Lyriker Kuno Roth am dritten Gesprächsabend am 9. Februar eindrücklich. Seine vorgetragenen Gedichte und Aphorismen aus dem Gedichtband «KL!MAVISTA. Die Schneefallgrenze steigt» werden begleitet durch die Gitarrenklänge von Roger Schütz.
Dominique Schmid,
Gebannt hört das kleine Publikum der Lesung zu. Kuno Roth fesselt mit seiner Präsenz, durch die klaren, gewählten und zugleich überraschenden Worte, Wortschöpfungen, Gedankenreihen, durch die bewussten Pausen, die Raum zum Nachwirken und Weiterdenken lassen. Mit wenigen Worten viel auszusagen, darin besteht die hohe Kunst des heutigen Gasts.

Seine Gedichte lassen Bilder entstehen, die durch den Raum schweben. Seine scharfsinnigen Aphorismen treffen ins Schwarze und fordern den Intellekt. Einerseits entspannt dem Gelesenen lauschen, andererseits gespannt auf den nächsten Gedankenblitz warten. Anspannen, entspannen. Einatmen, ausatmen. Und sich dabei wohl fühlen.

Zu diesem Wohlfühlen tragen die musikalischen Zwischenspiele von Roger Schütz wesentlich bei. Der Musiker geht mit dem Stück mit, er spielt es nicht, er wird es, seine ganze Haltung scheint mit ihm auszudrücken, was die Klänge zu erzählen wissen.

Das Duo ergänzt sich, bringt Unterschiedliches zusammen: jung und alt, Musik und Poesie, Gefühl und Geist, wortloses Tönen und klingende Sprache. Und wer zuhört, ist ganz Ohr, lauscht auf das Ungesagte wie auf das Ausgesprochene, auf Klänge und Zwischenklänge, und lässt sich verzaubern.

Mein persönliches Highlight des Abends: beim Erklingen der ersten Gitarrenklänge spüre ich die ersten Kindsbewegungen im Bauch. Ein magischer Moment.

Wie sieht die Welt der Zukunft für dieses Kind aus? In 10, 20, 50, 80 Jahren?
Was können wir heute für die Welt von morgen tun?
Was wollen wir für die Welt von morgen tun?
Und vor allem: was TUN wir?


Ein paar Kostproben aus Kuno Roths Lesung:

«Dämme erhöhen ist wie Salbe gegen Augenfalten: Es nützt, aber nicht wirklich.»
«Litte jedes Land unter jenem Anteil der Klimaerwärmung, den es verursacht, würde sich die Migration umkehren.»
«Blicken Sterne zur Erde, sehen sie eine Verwandte, die sich zunehmend selber Schnuppe ist.»
«Schreitet der Fortschritt weiter so voran, muss ein Rückschritt einschreiten.»
«Spätestens wenn die letzte Stunde schlägt, ist fertig mit last minute.»
«Nachdem wir das Beklagenswerte ausführlich beklagt haben, könnten wir uns dem Aufbau des Aufbauwerten zuwenden.»

Roth, Kuno (2021): «KL!MAVISTA. Die Schneefallgrenze steigt». PRO LYRICA.

Bereitgestellt: 16.02.2022     Besuche: 16 Monat