Gastgeber zu Gast in der Kirche in Oberarth oder vom Wert der Verkehrsschilder abseits der Strasse

20210919_104059 (Foto: Ruedi Gantenbein)

Der Himmel hat seine Tore geöffnet oder weniger prosaisch ausgedrückt: es schüttet an diesem Sonntagmorgen aus Strömen. Trotzdem finden an die 20 Personen den Weg durchs dunkle Nass in den Gottesdienst zum Dank- Buss- und Bettag und tröpfeln vereinzelt, zu zweit oder in Gruppen in die hellerleuchtete reformierte Kirche in Oberarth.
Dominique Schmid,
Pfarrer Urs Heiniger leitet durch den Gottesdienst, die Predigt übernimmt wie auch in den letzten Jahren anlässlich des Dank-, Buss- und Bettags ein Gast: in diesem Jahr ist es Niklas Raggenbass. Bereits die kurze Vorstellung lässt erahnen, dass mit dem Gast eine spannende Persönlichkeit den Gottesdienst mit seiner Predigt bereichern wird. Niklas Raggenbass hat Recht studiert und als Jurist gearbeitet, sich dann dem Benediktinerkloster in Engelberg angeschlossen und sich zum Theologen ausgebildet, sich ganz unvorhergesehen verliebt und dann seinen Platz in der christkatholischen Kirche gefunden, wo er als Pfarrer wirkt. Heute ist er zudem passionierter Gastgeber und führt zusammen mit seiner Partnerin Maria Leu das Gasthaus Leuenstern in Hohenrain (LU).

Seine Predigt gleicht einem Schauspiel, das keinen Moment der Langeweile zulässt. Seine Stimme, Mimik und Gestik sind lebhaft. Seine Sprache ist wortstark und bildreich. Wie bei einem Gedicht, steht jedes Wort an seinem Platz, deklariert in klarem Bühnendeutsch.

Ausgehend vom Bibeltext aus Römer 8,18-30, in welchem Paulus über das Seufzen der Schöpfung und über die Welt, die in den Wehen liegt, spricht, spinnt Niklas Raggenbass seine Gedanken weiter. Er redet von der Hoffnung in uns, die sich weder sehen noch benennen lässt und uns trotz allem trägt. Er bedient sich nebst der biblischen auch der Sprache der Märchen und gibt ein solches zum Besten, dass es sich zeitweise wie eine Parodie anhört, so dass er die Zuhörerinnen und Zuhörer zum Lachen bringt. Er erzählt vom unnützen Sohn, der nur Unnützes lernt, vom enttäuschten und erzürnten Vater und von der unverhofften Wende, als die als unnütz verachteten Sprachen der Hunde, Frösche und Vögel dem Sohn sogar den Weg auf den Heiligen Stuhl bereiten.

Niklas Raggenbass fordert sein Publikum auf, sich Zeit zum Beten zu nehmen und schlägt einmal mehr einen überraschenden Bogen, dieses Mal hin zu den Verkehrstafeln und deren Wert fürs Gebet. Er hält Tafel um Tafel auf und deutet die Verkehrsschilder auf seine Art um. P steht nicht mehr für Parkieren, sondern für Pause machen, innehalten. Das Schild zur Einbahnstrasse deutet er als Aufforderung zu Meditation und Umkehr. Und das Schild zur Tempo-Limite 50 soll zum Nachdenken inspirieren, wo die eigenen Grenzen liegen und ob das eigene Lebenstempo womöglich einer gefährlichen Geschwindigkeitsüberschreitung gleichkommen könnte.

Mit dem Aufstellen einer überdimensional grossen Verkehrstafel beendet Niklas Raggenbass seine Gastpredig. Ein Schild, das seiner Meinung nach überall stehen müsste, weil es das Wichtigste überhaupt darstellt: Ein Herz, das Symbol der Liebe. Die Liebe, zugleich auch das Herzstück des christlichen Glaubens.

Und so wird der Höhepunkt der Predigt zugleich zu ihrem Schlusspunkt und zum Übergang zu einem weiteren Höhepunkt: dem ersten Abendmahl in der reformierten Kirchgemeinde seit gefühlten Ewigkeiten. Der Tisch des Herrn ist für alle da, niemand ist davon ausgeschlossen und Gott selbst lädt alle an seine Tafel ein. Dieser Einladung in einem feierlichen Rahmen und in Gemeinschaft wieder einmal folgen zu können, ist nach den vielen Monaten der Einschränkungen umso berührender.

Der Gottesdienst zum Dank-, Buss- und Bettag in der reformierten Kirchgemeinde in Oberarth – ein Feuerwerk für alle Sinne. Eine inspirierende Predigt mitreissend vorgetragen, ein gemeinsames Abendmahl feierlich genossen und nicht zuletzt begleitet und bereichert durch die musikalischen Zwischenspiele von Jonathan Prelicz, die unter die Haut gehen. Seine Pianoklänge und die schöne Stimme treffen genau das Zentrum dieses Gottesdienstes und seiner Botschaft, nämlich mitten ins Herz.

Bereitgestellt: 26.09.2021     Besuche: 151 Monat